Auf zwei Rädern erleben und begegnen
Das LSB-Projekt „Radfahren vereint“ feiert zehnjähriges Bestehen. Der gesamte Monat Juni steht im Zeichen des Fahrradfahrens.
130 Radtouren durch Niedersachsen, mehr als 330 Fahrradkurse und über 140 ausgebildete Trainer*innen: Das sind die Eckdaten aus zehn Jahren „Radfahren vereint“. Mit Unterstützung des Bundesprogramms „Integration durch Sport“ haben Menschen aus aller Welt in Niedersachsen Radfahren gelernt und auf zwei Rädern neue Freiheiten erfahren.
„Wir bringen mit dem Projekt bei so vielen Menschen etwas in Bewegung. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Die Menschen werden durch dieses Erfolgserlebnis gestärkt und ermutigt weiterzumachen. Und wollen plötzlich mehr: sich selbst als Trainer*in ausbilden lassen und somit Brücken bauen für andere zugewanderte Menschen; den Führerschein machen; eine Ausbildung finden“, so die LSB-Projektverantwortliche Maike Fleige. Ein gutes Beispiel dafür, wie Ankommen in der neuen Heimat gelingen kann.
Jubiläumsmonat Juni
Der gesamte Monat Juni steht im Zeichen des Fahrradfahrens und bietet die Möglichkeit, „Radfahren vereint“ hautnah zu erleben. An den ersten beiden Juni-Wochenenden organisieren die beiden dezentralen Projekt-Stützpunkte Stadtsportbund Oldenburg e.V. und Kreissportbund Celle e.V. vor Ort eine Radtour.
Gerardina Topo, Koordinierungsstelle und Ansprechpartnerin beim dezentralen Projektstützpunkt in Oldenburg, betont: „Mir ist es generell wichtig, nicht immer nur ausschließlich den Sport und die rein sportliche Betätigung in den Blick zu nehmen, sondern auch den Sozialraum der Menschen und die Quartiersarbeit in Oldenburg. Sportvereine stellen für viele Menschen eine soziale Heimat dar, in der sie sich einbringen und mitgestalten können – und somit demokratische Prozesse erfahren. Daher freue ich mich, dass wir unsere Radtour im Rahmen des Jubiläums schwerpunktmäßig in Zusammenarbeit mit dem TuS Bloherfelde und der Gemeinwesenarbeit im Stadtteil durchführen werden.“
Geschichte der Radfahrschule im TuS Bloherfelde:
Die Geschichte begann 2005 mit dem ersten Fahrradkurs, den der TuS Bloherfelde in Kooperation mit der Uni Oldenburg und der Gemeinwesenarbeit Bloherfelde durchführte, um Menschen durch eine verbesserte Mobilität mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Gefördert wurde das Projekt damals aus dem Europäischen Sozialfonds. Von 2006 – 2018 fanden die Fahrradkurse unter der Leitung der GWA statt, seit 2019 ist der TuS Bloherfelde wieder verantwortlich – in Zusammenarbeit mit der GWA.
„Für uns Deutsche, die wir als Kinder bereits Radfahren gelernt haben, ist es zunächst erstaunlich und dann sehr spannend zu erleben, wie Erwachsene das Radfahren erlernen. Beeindruckend ist dabei die Erkenntnis, dass nicht nur die Beherrschung des Rades sehr komplex ist, sondern auch welch hohe Anforderungen die Teilnahme am städtischen Straßenverkehr mit sich bringt.“ – Darüber ist sich das Trainer*innen-Team des TuS einig.
Canan Şen lernte das Radfahren beim TuS: „In Istanbul gibt es nicht eine Fahrradkultur wie in Deutschland. In Oldenburg habe ich gesehen, wie Alt und Jung Rad fährt. Auch viele Radwege gibt es hier. So bekam ich Lust, auch Radfahren zu lernen. Dazu kam, dass mein Mann mich mit dem Geschenk eines Fahrrades überrascht hat.“ Im Internet fand sie das Kursangebot und ist nun sehr glücklich: „Fahrradfahren macht Spaß, man kommt überall hin, es ist gesund, ist Sport und ist Freiheit.“ Nun ist Canan selbst eine der Trainerinnen für Radfahren und hilft anderen Frauen beim Lernen.
Eine andere Radfahr-Biografie hat Ayşe Karaman: sie hat sich das Fahrradfahren selbst beigebracht, als sie junge Mutter war. Das Familienauto wurde vom Ehemann benötigt, sie selbst hatte auch keinen Führerschein. Um ihre Tochter zum Kindergarten zu bringen, Einkäufe zu transportieren, war das Radfahren wichtig: „Am Wochenende hat mein Mann mir geholfen. Ich bin oft hingefallen, habe mir die Knie und Ellbogen ausgeschlagen. Aber ich habe nicht aufgegeben!“ Auch Ayşe ist Fahrrad-Trainerin und hauptamtliche Fitness-Trainerin im TuS Bloherfelde.
Beide Biographien verdeutlichen die integrative Kraft des Sports allgemein und des Radfahrens im Besonderen: „die Teilhabe in vielen Lebensbereichen wird so erheblich erleichtert“, ist sich Susanne Möller, ehemalige Geschäftsstellenleiterin des Vereins und aktuelle Integrationslotsin „Integration durch Sport“ sicher. Zum Reinhören: Podcast des LSB anlässlich des Weltfahrradtags am 3.6.2023
Philipp Garmann, Koordinierungsstelle und Ansprechpartner beim dezentralen Projekt‑Stützpunkt in Celle, betont: „Der nachhaltige Erfolg von ‚Radfahren vereint‘ ist nur durch die Zusammenarbeit mit verlässlichen Partnern vor Ort möglich. Gemeinsam mit der Polizeiinspektion Celle, den Maltesern Celle und der Verkehrswacht Celle gelingt es, unterschiedliche Perspektiven einzubringen und das Projekt ganzheitlich umzusetzen. Die Radtour im Rahmen des Jubiläums soll dabei vor allem das gemeinsame Erleben in den Vordergrund rücken – zusammen unterwegs sein, sich begegnen und den Sozialraum aktiv erfahren.“
Am 20. Juni 2026 wird dann eine große zentrale Jubiläums-Veranstaltung in Hannover stattfinden, hier sollen alle zusammenkommen. Geplant sind an dem Tag Aktionen zum Mitmachen, Begegnungen, Informationen, gemeinsames Essen, Musik und ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Eingeladen sind alle Projektaktiven – als Dankeschön für das große Engagement der Ehrenamtlichen. Herzlich willkommen sind aber auch Interessierte an den Themen Integration, Mobilität, Verkehrssicherheit und Fahrradgeschichte. Eine Anmeldung für die Jubiläumsfeier am 20.06. ist online möglich unter https://forms.cloud.microsoft/e/THWg139EvV .
Infos zu den beiden dezentralen Radtouren an den ersten Juni-Wochenenden gibt es unter:
Termine « Stadtsportbund Oldenburg e.V. und https://www.ksb-celle.de/de/infopoint/projekte/projekt-stuetzpunkt-radfahren-vereint/
Das Projekt „Radfahren vereint“ ist Teil des Bundesprogramms „Integration durch Sport“ und wird mit Mitteln des Bundesministeriums des Innern gefördert.
